Brauchen unser Städte und Kommunen eine blau-grüne Zukunft? Was verbirgt sich hinter der Blau-Grünen-Infrastruktur?
Das Schwammstadt-Prinzip: Regenwasser nicht über die Kanalisation ableiten, sondern vor Ort speichern und zur Kühlung genutzt werden. Sowie um die Funktionsweise von blau-grüner Infrastruktur.
Dauer: 63 Min.
Wir haben das Wasser aus unseren Städten verjagt, es in Rohre gesperrt und unter Asphalt begraben. Doch die extremen Sommer machen klar: Wenn wir Städte lebenswert halten wollen, müssen wir lernen, wieder mit dem Wasser zu tanzen. Im Podcast „Wasserkünste“ erklärt Alexander Seebold, wie blau-grüne Infrastruktur, „Zaubersand“ und digitale Tools wie der „Cityfire“ unsere urbanen Räume nachhaltig verändern.
Wasser ist kein Abfallprodukt, sondern Lebenselixier
Beton, Asphalt, Hitzeinseln: In den Sommermonaten steigen die Temperaturen in unseren Städten massiv an – mit spürbaren Folgen für Mensch, Tier und Natur. Das Problem ist hausgemacht. Jahrzehntelang war die Stadtplanung darauf ausgerichtet, Regenwasser so schnell wie möglich aus der Stadt abzuleiten.
„Wasser ist eine Ressource, die viel zu wertvoll ist, um sie einfach durch das Rohrnetz oder den Wasserhahn zu verschwenden“, betont Alexander Seebold, Experte für blau-grüne Infrastruktur und ökologischen Häuserbau. Anstatt Regenwasser ungenutzt abfließen zu lassen, gelte es, das Prinzip der Schwammstadt zu etablieren: Wasser im urbanen Raum speichern, halten und über natürliche Verdunstung zur Kühlung nutzen.
Alt und Jung ziehen an einem Strang
Spannend ist der Blick auf die Akzeptanz in der Bevölkerung. Bei einer Befragung im Stadtteil stellte Alexander fest, dass vor allem die jüngere Generation (bis ca. 23 Jahre) sowie die Generation ab dem Renteneintrittsalter extrem begeistert von Schwammstadt-Konzepten sind. Die Altersgruppen dazwischen stehen oft stark unter Alltags- und Berufsstress. Umso wichtiger ist es, das Thema Schritt für Schritt greifbar und verständlich in die Praxis umzusetzen.
Was ist blau-grüne Infrastruktur eigentlich?
Der Begriff beschreibt ein vernetztes System aus Wasser elements (blau) und Bepflanzung (grün) im städtischen Kontext:
- Grüne Infrastruktur: Dach- und Fassadenbegrünungen, Staudenbeete und Stadtbäume. Eine grüne Fassade kann die Umgebungstemperatur um bis zu 3 °C senken und den Lärmpegel um bis zu 10 Dezibel reduzieren. Auf Dächern dient sie zudem als natürliche Isolationsschicht gegen Kälte und Hitze.
- Blau-grüne Kombination: Wenn Regenwasser in ein sogenanntes Retentionsdach sickert, wird es in einer Drainage-Schicht aus leichten Naturbaustoffen (wie Blähton oder Bims) gespeichert. Anstatt die Kanalisation zu überlasten, versorgt es die Bepflanzung und kühlt durch Verdunstung die Umgebung.
Wege neu denken: Entsiegelung und „Zaubersand“
Nicht überall müssen wir mit Asphalt und Beton planen. An vielen Stellen – ob auf Rad- und Fußwegen, Parkplätzen oder Schulhöfen – bieten wassergebundene Wegedecken eine ideale Alternative.
An heißen Sommertagen kann Asphalt Temperaturen von über 40 °C erreichen, auf denen Haustiere sich die Pfoten verbrennen. Wassergebundene Decken bleiben durch die gespeicherte Feuchtigkeit oft 10 bis 15 Grad kühler, vermeiden Staubbildung und verhindern Wurzelaufbrüche bei Stadtbäumen.
Alexander Seebold hat hierfür ein spezielles Konzentrat entwickelt: Ein „Zaubersand“, der zu nur etwa 20 Prozent lokal vorhandenem Gestein beigemischt wird. Das spart hohe Transportkosten und schafft stabile, wasserdurchlässige und naturfreundliche Wege, auf denen sich selbst Insekten und Kleintiere wieder wohlfühlen.
Digitalisierung trifft Klimaanpassung: Die App „Cityfire“
Damit Städte und Kommunen nicht vor der Komplexität solcher Maßnahmen zurückschrecken, braucht es pragmatische Werkzeuge. Mit der neu entwickelten App Cityfire können Kommunen ihre Klimaanalysen hochladen und konkrete Maßnahmen planen. Das Tool berechnet Quadratmeter und Kosten, prüft die Ausschreibungen mit einem VOB-Checker, unterstützt bei Förderanträgen und hilft sogar bei der sensorbasierten Bewässerung von Stadtbäumen.
Fazit: Es beginnt im Kleinen
Man muss nicht sofort den Fünf-Kilometer-Radweg komplett abreißen. Wie Expertinnen und Experten betonen, reicht es oft schon, auf 100 Metern zu testen, wie Entsiegelung und blau-grüne Elemente wirken. Das schafft Bewusstsein und zeigt unmittelbare Erfolge. Die Stadt der Zukunft ist grün, speichert Wasser wie ein Schwamm – und bringt Natur und Mensch wieder harmonisch zusammen.
Lust auf mehr Einblicke? Höre jetzt in die vollständige Episode des Podcasts „Wasserkünste“ mit Jörg und Alexander Seebold rein!